Marie-Fragment

Inhalt

Ein Monolog über Erinnerung und Trauma.

 

Wozu sich an etwas erinnern, das lange vergangen ist? Wozu alte Wunden aufreißen? Warum nicht einfach ruhen lassen? Im Marie-Fragment folgen wir einer alternden Frau auf ihrer Suche nach Linderung und Aussöhnung am Ende ihres Lebens. Der Zuschauer wird Zeuge eines inneren Kampfes, den die Protagonistin selbst zuweilen nur diffus wahrnimmt. Als geschähe es ohne ihr Zutun. Umso deutlicher und klarer treten die Konflikte für den Zuschauer zutage. Die eigene Mutter, der Ehemann, die Tochter, die viel zu früh gestorben ist. Nichts ist passiert, rein gar nichts ist passiert, sagt sie und man möchte es ihr gerne glauben, dieser Einsamen, die alles so gemacht hat, wie man es halt gemeinhin macht.

 

Kann es zu spät sein, das eigene Selbst zu retten, wenn man ein Leben lang weggeschaut hat?

Zum Aufführungskonzept mit Figur im Schuberttheater Wien

 

Eine Puppe ist Projektionsfläche, Subjekt und Objekt zugleich. Bei Puppen denkt man an die Kindheit. Ans Spiel und an die sorglosen Stunden. Ein Spiel der unverstellten Emotionen. Das Unverstellte hat das Figurentheater mit dem Kinderspiel wohl gemeinsam. Und das radikal Ehrliche, wie man es im Kinderspiel auch antreffen kann. Diese Projektionsfläche, die sich so blitzartig von äußerster Härte zu äußerster Fragilität umstellen kann, galt es in dieser Produktion zu erforschen. Das Marie-Fragment schlägt dabei Brücken nicht nur zwischen den Generationen; es führt den Zuschauer subtil zu einem Verständnis, das es ihm ermöglicht, sich selbst in einer Person wieder zu erkennen, die vordergründig nichts mit ihm gemein hat. Die Puppe hat kein natürliches Geschlecht. Sie ist konstruiert. Genauso konstruiert der Zuschauer seine Identifikation mit den Elementen, die ihn erreichen, die ihn berühren. Diese mentale Intimität, die durch die Wechselwirkung von Projektion und Empathie beim Zuschauer entsteht, zu erzeugen, war mir ein Bedürfnis. Denn Theater muss empfänglich machen für Diskurse der Seele. Nicht Diskurse des Kopfes allein. Und nicht allein des Herzens. Die Seele muss als Mittlerin zwischen den beiden auftreten, und Linderung schaffen, wo das Leben Herz und Verstand entzwei schlägt.

 

Aus dem Programmheft, Aristoteles Chaitidis, März 2018

Marie-Fragment

 

 

Das Marie-Fragment wurde anfänglich verwirklicht durch Aristoteles Chaitidis (Text), Steve Schmidt (Regie) und Alksandra Corovic (Schauspiel). Olivia Rosenberger fungierte dabei als Regie-Assistentin/2. Regisseurin. Produktionsort war Wien (Premiere am 6. Mai im Theater Dschungel Wien), der Text selbst wurde in Berlin entwickelt. 

 

Zum Stück:

 

Das Marie-Fragment entstand ursprünglich als innerer Monolog eines nicht näher beschriebenen Elternteils, der das sukzessive Ableben seines Kindes aufgrund einer Krankheit erlebt. Die Idee basiert auf einen knappen Zeitungsartikel, in dem der Kampf einer Mutter beschrieben wird, die ihre Tochter beinahe an Magersucht verloren hätte. Im ursprünglichen Text genauso wie im vorliegenden Theatermonolog wird die Magersucht als Grund der Erkrankung und des Todes nur vage angedeutet. Dies sollte kein Stück über Magersucht werden. Aus dem vorerst nicht eindeutig definierten Elternteil des ersten Entwurfes wurde schließlich eine Frau in fortgeschrittenem Alter. Auf ihr lastet der Fokus. Der Monolog führt in dichtgedrungener Sprache durch wichtige Stationen im Leben der Protagonistin: die Beziehungen, die sie geprägt haben und natürlich die Erfahrung des Verlustes des eigenen Kindes. Dabei merkt der Zuschauer bald, dass hier keine Katharsis zu erwarten ist. Die alternde Frau hat nicht begriffen. Sie tappt noch immer im Dunkeln, wie sie es in früheren Jahren auch tat. Nicht zuletzt wird hier die Frage aufgeworfen, ob man zu abschließenden Betrachtungen des eigenen Lebens gelangen kann, wenn man sich zuvor nie um sein Inneres gekümmert hat. Ist es irgendwann zu spät für Erkenntnis? Braucht man überhaupt Erkenntnis, um Erlösung zu finden? Oder reicht es aus, sich schlussendlich aufzugeben, um beruhigt abschließen zu können mit sich und der Welt.

 

Zum Aufführungskonzept in der Produktion Dschungel Wien und Drachengasse Wien:

 

In der Regie von Steve Schmidt wird dem Zuschauer das gesamte Leben der Protagonistin im Zeitraffer präsentiert. Ist die Figur zu Anfang leicht als gebeugte und altersschwache Frau zu erkennen, merkt man bald, dass mit ihr von Passage zu Passage eine Transformation stattfindet: Sie wird immer jünger. Vor unseren Augen verwandelt sie sich, sodass dem Text immer weitere Dimensionen abgewonnen werden. Ungefähr zur Mitte des Stückes ist die Figur im Kindesalter angekommen, um dann peu á peu wieder in das eigentliche Alter „hinein zu wachsen“. Der Effekt, der dadurch erzielt wird, ist, dass das Gesagte plötzlich in einen Rahmen gesetzt wird, der absolute Kenntnis, absolutes Wissen von vornherein ausschließt. Was ich heute weiß, kann ich morgen wieder vergessen haben. Was ich heute als Wissen in mir trage, hat mir zu gegebener Zeit früher gefehlt.  Wissen wird hier zu einem Geflecht aus zufälliger Erkenntnis und der Gnade des Momentes: Wenn ich Glück habe, bekomme ich eine Antwort auf meine Fragen. Doch wie oft hat man Glück?

 

Bühne und Ausstattung sind minimalistisch gehalten, da auch hier der Fokus auf Schauspielkunst und das gesprochene, erlebte Wort gelegt wird. Der Produktionsaufwand ist dementsprechend gering, um Gastspiele möglichst einfach zu gestalten.

 

Andere Mütter haben andere Sorgen. Jede sagt, sie versteht deinen Schmerz, weil sie ja auch Mutter ist, aber es stimmt nicht. Wir sind alle auf unsere Art alleine mit unseren Kindern.

Aufführungen

 

Premiere am 6. Mai 2016 (Dschungel Wien)

Premiere am 23. November 2016 (Theater Drachengasse Wien)

Premiere am 8. März 2018 (Schuberttheater Wien, Repertoire laufend)

 

Gastspiele und Festivals

 

Brutkastenfestival der Theaterakademie Hamburg, 15.7. 2016, Hamburg

SKANDALØS Festival, 16.7. 2016, Hamburg

Bronski&Grünberg, 4. 12. 2016, Wien